KŘnstler in Kaitz (1)

Bild 1

Horst Gaunitz

∗ 1924 Dresden
† 1997 Dresden

 

 

 

Dunkler Mantel, Baskenmütze, Hände in den Taschen – er machte seinen Spaziergang durch Kaitz, zweimal am Tag als schöpferische Pause nach seinen Sitzungen vor der Staffelei – Horst Gaunitz.Gern blieb er stehen zu einem Schwätzchen oder wurde zur Tasse Kaffee eingeladen, erfuhr das Neueste aus dem Dorf und konnte auch manch Neues weitererzählen. Eigentlich gab es nichts in Kaitz, was Horst Gaunitz nicht wusste.

Am 2. Januar 1924 wurde Horst Gaunitz in Kaitz auf dem Franzweg 18, dem Familienbesitz von alters her, geboren. Sechsjährig zog er mit seinen Eltern ins Nachbarhaus, Franzweg 16. Der Vater war gelernter Buchhalter, die Mutter – „eine hübsche, charaktervolle Frau mit sauberem Herzen und zwei ganz geschickten Händen“ – sang durch ihre stimmlichen Fähigkeiten jahrelang im Leubnitzer Kirchenchor. „Meine Eltern haben nie die 10 Gebote überschritten; es wäre nie passiert, dass eines von beiden seine eigenen Wege gegangen wäre, so wie es heute zugeht.“ Wichtig war ihm immer seine Herkunft aus gut bürgerlich-handwerklicher Familie, die seit dem 17. Jahrhundert in Kaitz ansässig war: ein Vorfahre war während der Befreiungskriege gegen Napoleon um 1813 der Gemeindevorstand von Kaitz (lt. Archivmaterial des Bauern Franz müsste das Johann Andreas Wirthgen gewesen sein) – der Ururgroßvater war Schmiedemeister auf Schloss Nöthnitz in Diensten des Grafen Bünau und hatte mit 10 Schmiedegesellen den Maschinenpark der Burgker Kohlebergwerke in Betrieb zu halten – ein Großvater war Steindrucker und späterer Werkmeister, sang im Kaitzer Männergesangsverein den hohen Tenor und brachte dem 4-jährigen Horst „die ersten zeichnerischen Dinge wie Perspektive, Augenpunkt, Goldenen Schnitt u.a.“ bei.

Bild 2Horst Gaunitz besuchte die Kaitzer Volksschule und wurde 1938 von Pfarrer Fischer in der Leubnitzer Kirche konfirmiert. Da vom Wuchs her klein und zart hatte die Mutter die Idee, er könnte doch Piccolo (= Kellnerlehrling) werden, aber Horst begann noch im selben Jahr eine 4-jährige Kunstmaler-Lehre im Atelier Lorenz in Dresden – er wollte schon immer Maler werden – und arbeitete fortan als Musterzeichner für Tapetenentwürfe weiter bei Lorenz. Am Kriegsende 1945 noch kurz zur Wehrmacht eingezogen trat Horst Gaunitz im Oktober in die Kunstwerkstatt von Prof. Hennig in Dresden ein als Maler verschiedener Genres, studierte vier Semester an der Kunstschule in Dresden – später der Kunstakademie angeschlossen – und arbeitete seit 1947 in Kaitz als freischaffender Maler und Dessinateur.

Bild 3Horst Gaunitz war viele Jahre Musterzeichner sowohl für Tapetenentwürfe als auch im Textilgewerbe, entwarf Teppichmuster und Servietten, doch sein künstlerisches Schaffen ist vielseitiger. Weil er von keinem Ehrgeiz nach höchst individueller Darstellung getrieben war, sondern seine Bilder der Sichtweise des ‚Normalbürgers‘ entsprachen, konnte er immer verkaufen und seinen Lebensunterhalt in der DDR und auch nach der ‚Wende‘ sichern. Auftragswerke wie Gemälde mit Blumenarrangements, vor allem Rosen – seiner Lieblingsblume, sowie das Kopieren von Werken klassischer Maler, oft aus den Dresdner Galerien Alte und Neue Meister, wie z.B. ‚Das Schokoladenmädchen‘ von Jean-Etienne Liotard, oder die ‚Eichen am Meer‘ von Carl Gustav Carus, oder das ‚Segelboot‘ von Caspar David Friedrich aus den Städtischen Sammlungen Karl-Marx-Stadt, fanden ihre Abnehmer. Besonders gern malte er Spitzweg, und hat fast alle die oft auf Zigarrenkisten-Deckeln entstandenen Originale kopiert.

Bild 4Horst Gaunitz restaurierte Ölgemälde aus Privathand, fertigte Porträts nach individuellen Wünschen, Fotos und anderen Vorlagen. Ein Gemälde vom Café Weinberg nach einer Postkartenvorlage hängt noch heute in einem der Gasträume. 1955 starb der Vater. Horst Gaunitz lebte weiterhin bei der Mutter, die über viele Jahre einen blinden Nachbarn betreute und für Horst sorgte und seine Hemden, Sakkos und Mäntel am linken Ärmel ein Stück kürzer nähte, denn er hatte sich bei der Geburt den linken Arm gebrochen, der nun zeitlebens ein Stück kürzer war. Eine Malerfreundin erinnert sich, dass „er sehr bedauerte, keine passende Lebensgefährtin zu finden, weil er von so kleiner Gestalt war, und die Mutter redete wohl oft hinein. Eines Tages – er mag etwa ein Endvierziger gewesen sein – stellte er eine sympathische junge Frau als seine Verlobte vor. Doch bald erfuhr er, dass diese ein schweres Nierenleiden verschwiegen hatte, und Horst sah sich außerstande, sich und seine Mutter noch mit einer kranken Frau zu belasten.“ – Die Mutter starb 1978 nach schwerer Krankheit. Danach fand er nur langsam zu seiner Kunstmalerei zurück. In dieser für Horst Gaunitz einsamen Zeit ging er oft spazieren und suchte Anschluss in Kaitzer Häusern, bekam Einladungen zum Mittagessen, und die Gastgeber erfuhren nebenbei das Neueste aus Kaitz. Es gereichte mancher Familie in Kaitz und Umgebung zur Ehre, bei privaten Festlichkeiten und an hohen Feiertagen den Künstler zu Gast zu haben – am Heiligen Abend war er nie allein. Gastfreundschaft belohnte er freigebig, brachte so manches Bild als Geschenk mit oder veredelte die alte Truhe, das Küchenbord oder die Babywiege mit schöner Blumenbemalung. Viele Gaunitz-Bilder hängen heute in den Gastgeberwohnungen. Ein Leben lang verehrte Horst Gaunitz die Frauen. Bedingt durch die lange Krankheit und Pflege seiner Mutter waren es oftmals Ärztinnen und Krankenschwestern.


Bild 5In seinen persönlichen Erinnerungen nennt er weitere gute Bekanntschaften: „ ... als 17-Jähriger malte ich für eine 60-jährige hochintelligente Dame, Chefin einer Hannoveraner Baufirma, ein Ölbild und wandelte oft mit dieser musisch veranlagten Dame – sie hatte Sinn und Verstand, Stil und Geschmack – durch Bilderausstellungen und den Dresdner Kunstverein; ... bekannt bin ich auch mit der Frau meines letzten Lehrers, 87 Jahre alt und hochintelligent und war Prinzenerzieherin am Sächsischen Hof; ... und eine 78-jährige Bekannte ist die Frau von meinem Bilderrahmenfabrikanten; ... oft unterhalte ich mich auch mit jungen Damen, meist musisch interessierte Geschöpfe, denen ich weiterhelfen kann, z.B. konnte ich einer 38-jährigen Geschäftsfrau in Bautzen in ihrem Maltalent gut helfen, oder der Verkäuferin im Kaitzer ‚Sparschwein‘ (Kaitzer Drogerie Ende der 1980er Jahre) schon einige Mal-Tricks beibringen.“ Zeitlebens hatte Horst Gaunitz seinen Frust mit den ‚roten Machthabern‘, folgendes schrieb er dazu auf: „1945 am Kriegsende wurde von den Kaitzer Bolschewisten ein Komitee gegründet. Obwohl ich nie einer Jugend- und Parteiorganisation angehörte und mein Vater als kleiner PG (gemeint ist die NSDAP) schon damals gesundheitlich kaputt gemacht worden war durch die verfluchten Roten, kam eines Tages ein Komitee-Mitglied (H.G. nennt den Namen) in unser Atelier und wollte mich ins Arbeitslager abholen. Da wäre ich wohl jetzt in irgendeinem Massengrab, was durch das mutige Eintreten vom Chef und Kollegen verhindert wurde. – So gibt es in Kaitz heute noch einige Typen, die mich meiden und mir aus dem Weg gehen. Es soll sich jeder in Acht nehmen, ich erfahre so manches!“

Bild 6In der späteren Schaffensperiode malte Horst Gaunitz Bilder von seiner sächsischen Heimat – Erzgebirgslandschaften lieferte er zwei bis fünf Stück pro Woche nach Olbernhau in ein Souvenirgeschäft, Bautzen-Bilder schon seit den 1970er Jahren ins Haus der Geschenke und an eine Kunsthändlerin in Bautzen zum Weiterverkauf an Touristen. Der Künstler arbeitete an vielen Aufträgen gleichzeitig. Wen er gut leiden mochte, der wurde sofort beliefert, es konnte aber auch sein, dass man auf ein Aquarell von seinen Kindern, gemalt nach Vorlage eines Paßbildes, gut zwei Jahre warten musste. Bei seinen ‚Geschäftsreisen‘ ins Erzgebirge oder in die Lausitz lernte Horst Gaunitz auch ‚sympatische junge Frauen‘ kennen, die gern malen lernen wollten, und die er in sein Atelier auf den Franzweg 16 zum Malkurs einlud. Eine Malkurs-Mitdreißigerin hätte er als Mitsechziger fast geheiratet. Vor einem Date ließ er noch schnell bei einer befreundeten Kaitzer Familie seine Bettvorleger waschen! Als die ‚sehr begabte Dame‘ nach einer Sitzung mitten in der Woche nur aus dem ‚echten Meißner‘ – Gaunitz’sches Familienerbe – Kaffee trinken wollte, mochte Horst gar nicht zustimmen und hat sie kurzerhand rausgeschmissen. Seitdem wollte er keine Frau mehr heiraten.

1993/94 musste der 70-jährige Horst Gaunitz nach einem Mieter-Vermieter - Krieg aus dem Franzweg 16 ausziehen – der neue Hauseigentümer hatte ihm wegen Baufälligkeit des Hauses fristlos gekündigt, das Gas abgestellt, Schornstein gesperrt, mit Abschalten der Elt-Zufuhr gedroht und eine Garage 1 m vor der Haustür aufgestellt. „Nicht mal im Sarg komme ich jetzt problemlos aus der Eingangstür!“ – Er fand in Altmockritz eine neue Wohnung, und es wurde einsam um Horst Gaunitz, fast kein Kontakt mehr zu den Kaitzern. Er war auf Hilfe beim Einkaufen und ‚Kohlen-aus-dem-Keller-holen‘ angewiesen.

Nach dem 73. Geburtstag erkrankte er schwer und verstarb am 11. Februar 1997. Die letzte Ruhe fand Horst Gaunitz im Familiengrab auf dem Leubnitzer Friedhof.

 

(Fortsetzung der Reihe über Künstler in Kaitz im nächsten "Südhang" und hier auf dieser Website)

Quellenangaben:

Manuskript und Fotos: Peter Wagner unter Verwendung von Zitaten aus dem handschriftlichen Lebenslauf Horst Gaunitz und Erinnerungen von Malerfreunden und befreundeten Familien.

 

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